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Kritik an Walter Hollstein

by James T. Kirk on April 5th, 2013

Im folgenden möchte ich Walter Hollstein einer Kritik unterziehen. Walter Hollstein ist ein Schweizer Soziologe und Männerforscher und äußert sich häufig kritisch über den Feminismus. Es besteht aber auch das Problem, daß er soziologische Schnellschüsse produziert, die meiner Meinung nach sehr unseriös sind und ureigentlich seine Anliegen und seine Feminismuskritik konterkarieren. Man findet in seinen Äußerungen das marxistisch geprägte Gender-Weltbild wieder, welches dadurch gekennzeichnet ist, daß willkürlich Menschen zu willenlosen Objekten gesellschaftlicher Verhältnisse degradiert werden. Zudem werden völlig beliebige Zusammenhänge zwischen der menschlichen Destruktivität und vermeintlichen sozialen Zuständen gezogen.

Ich möchte den Artikel nicht allzu lang werden lassen und beschäftige mich mit einem Text von Hollstein, der im Tagesspiegel und in kürzerer Form auf Cuncti.net erschienen ist. Ich habe vor, noch weitere Artikel zu Hollstein zu schreiben, um hieran meine Kritik deutlicher werden zu lassen und nicht allzu viel Text auf einmal zu produzieren. Ich wollte schon länger etwas zu diesem Thema schreiben und wurde nun durch eine Diskussion mit Leszek und Ratloser auf dem Blog Alles Evolution noch einmal getriggert.

Nun zum Artikel von Walter Hollstein. Auf Cuncti heißt er:
“Wenn einsame Wölfe ausrasten: Buben, junge Männer und der Amoklauf”.
Im Tagesspiegel: “Tickende Zeitbomben – Warum junge Männer Amok laufen”.
Der Text fängt schon mal unheilvoll an. Nicht weil dort einige Tatorte von Amokläufen rezitiert werden, sondern weil Hollstein gleich loslegt mit einer kühnen Suggestion: Die Amokläufe hätten etwas mit der schulischen Situation von Jungen zu tun.

Erfurt, Nickle Mines, Emsdetten, Tuusula und Kauhajoki, Winnenden oder Newtown – das sind Stätten der in ihrer Schrecklichkeit eindrücklichsten Amokläufe der vergangenen zehn Jahre. Auffällig ist zweierlei: die Tatorte sind allesamt Schulen, die Täter allesamt junge Männer. Diese beiden Konstanten müssen zusammenhängend betrachtet werden.
Schule ist für viele Jungen in den letzten Jahren zu einem Horror-Trip geworden. Sie fühlen sich dort unwohl, nicht ernst genommen und schlechter benotet als Mädchen. Der Hamburger Lehrer Frank Beuster spricht von einer „Jungenkatastrophe“, die amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers vom Schul-„Krieg gegen die Jungen“.

Der Artikel von Hollstein ist recht kurz und bringt nicht einen schlüssigen Beleg, warum Amokläufe, aber auch Selbstmorde, Depressionen und andere Probleme von Jungen etwas mit dem Schulsystem, den gesellschaftlichen Veränderungen oder den Erwartungen an Jungen zu tun haben sollen. Es ist das übliche soziologische Geraune, das mit großen Pinselstrichen ein diffuses Bild zeichnet, aber die offensichtlichen Widersprüche dieser Konstruktionen leugnet. Nachdem Hollstein diverse Probleme von Jungen aufführt und deutlich macht, daß sie sehr viel häufiger z.B. von Depressionen oder Selbstmord betroffen seien als Mädchen, präsentiert er eine einfache Erklärung: Der Feminismus ist schuld sowie die Tatsache, daß Jungen sich nicht mehr “an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren” könnten.

Was ist dann mit all den Jungen, die gute Noten haben, die keinen Selbstmord begehen, keine Depressionen haben und sich wohlfühlen? Warum rufen die von Hollstein monierten gesellschaftlichen Zustände bei vielen Jungen keine Probleme hervor? Und: Warum gibt es auch Mädchen, die Probleme haben? Es sind die immer gleichen einfachen Fragen, die solch statistische Soziologismen und unverbindliche Konstruktionen zu Fall bringen.

Sagen wir es einmal so: Ein Junge, der von seinen Eltern geliebt und respektiert wird, der in seiner Würde ernst genommen und nicht für die unbewußten emotionalen Bedürfnisse der Eltern mißbraucht wird, der also immer vertrauliche Ansprechpartner hat, wenn ihm z.B. anderswo Unrecht geschieht – warum sollte dieser Junge depressiv werden oder Selbstmord begehen? Natürlich haben die allerwenigsten Menschen solche Eltern. Es gibt aber viele Abstufungen, und nicht wenige Kinder erleben ein Grauen, das man sich nicht vorstellen kann.

Der Text von Hollstein fällt durch offene Widersprüche auf: So wird einerseits moniert, daß Jungen keine Orientierung mehr hätten, da alte etablierte “Rollenbilder” verloren gegangen seien. Dann schreibt Hollstein Folgendes:

Männer beziehen sich auf sich selbst und werden erzogen, in diesem Sinne autark zu leben; sie verkörpern das selbst-bezogene Geschlecht. Abgrenzung und Distanz sind männliche Tugenden; am stärksten sind sie im männlichen Mythos des „lonely wolf“ verankert.

Hier ist also auf einmal wieder ein altes Rollenbild, obwohl die alten Rollenbilder doch angeblich verlorengegangen sind. Kurz zuvor schreibt Hollstein dies:

Sie können sich nicht mehr an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war. Stattdessen müssen sie sich allein zurecht finden – nicht zuletzt, weil das die männliche Rolle von ihnen verlangt.

Hier haben wir also noch einmal den offenen Widerspruch. Wenn die gültigen Männlichkeitsbilder weg sind, dann sind Jungs doch in der angenehmen Lage, eben nicht mehr den autarkiefixierten Autisten darstellen zu müssen. Die Rolle ist doch jetzt weg. Man verzeihe mir bitte diesen süffisanten Stil. Mir geht es vor allem darum, das zu entlarven, was ich persönlich als Soziologismus bezeichne. Es geht hier ja nicht nur um die offenen Widersprüche, die Walter Hollstein erzeugt – das ist eigentlich Nebensache – es geht um das soziolgistische Gender-Weltbild, nach dem wir angeblich nur Epiphänomene von irgendwelchen rätselhaften Rollenbildern sind, die ein merkwürdiges Eigenleben führen.

Walter Hollstein zeigt hier außerdem, daß er ein sehr fragwürdiges Bild von Jungen hat, die völlig hilflos sind, weil sie sich angeblich nicht mehr an gültigen Rollennormen orientieren können. Mir scheint dies sehr wenig mit der Realität zu tun zu haben. Woher weiß Hollstein eigentlich, daß in der Gesellschaft keine allgemein gültigen Bilder von Männlichkeit mehr existieren? Sicherlich kam es in den letzten Jahrzehnten zu einer gewissen Diversifizierung und Entspannung. Ich habe aber nach wie vor den Eindruck, daß Weiblichkeit und Männlichkeit sehr klar definiert sind, nur daß sie eben ihren “diktatorischen” und einseitigen Schrecken verloren haben. Im Grunde genommen eine sehr positive Entwicklung. Oder anders ausgedrückt: Jungs sind Jungs. Nicht anders als vor hundert Jahren.

Hollstein scheint ein typisches soziologisches Weltbild zu haben, das die individuelle conditio humana vernachlässigt und stattdessen, die Menschen zu Epiphänomenen etwaiger gesellschaftlicher Einflüsse macht. Männlichkeit und Weiblichkeit sind seit Jahrtausenden konstant und werden dies auch noch in Jahrtausenden sein, da sie eine biologische Basis haben. Es schwächen sich lediglich Einseitigkeiten, Verabsolutierungen und Normierungen ab. Niemand braucht ein “Rollenbild”, um seine Männlichkeit und Weiblichkeit zu entwickeln. Sie sind schlicht schon da bzw. entwickeln sich von alleine. Das einzige, was ein Junge und Mädchen brauchen, sind Liebe und Respekt.

Es ist also zunächst erst einmal grundsätzlich Hollsteins Befund anzuzweifeln, daß es angeblich keine soziale Orientierung mehr für Jungen gibt. Auch ist fragwürdig, warum dies angeblich bei Mädchen anders sein soll und sie es besser haben sollen. Darüberhinaus muß man Hollsteins grundsätzliche Konstruktion infrage stellen, daß Jungen angeblich so hilflos sind, wenn tatsächlich keine soziale Orientierung vorhanden sein soll. Ich wäre auch gespannt zu erfahren, wie man so etwas seriös feststellen will. Da sind wir dann wieder beim Soziologismus, wo eine Menge Werte aus Studienergebnissen mit anderen Werten korreliert und dann diverse Schlüsse daraus gezogen werden. Dies soll keine erschöpfende Kritik an soziologischen Methoden und Moden sein, aber eine gewisse Skepsis ist doch angebracht, wenn man aus fragmentarisch-reduzierten und interpretierten Studienwerten ganzheitliche Bilder der Gesellschaft zu zeichnen versucht.

Mich ärgern Hollsteins Ausführungen vor allem deshalb, weil sie die wirklichen Ursachen für Probleme von Jungen und Mädchen verschleiern: Die gewalttätige Erziehung durch die Eltern. Kinder werden zwangsläufig emotional verkrüppelt und verlieren den Kontakt zu ihrem Selbst, wenn sie geschlagen, angeschrien, sexuell mißbraucht, niedergemacht, ignoriert und instrumentalisiert werden.

Die unterdrückte Wut gegen ihre Eltern lassen die Kinder dann an noch Schwächeren aus, indem sie z.B. Mitschüler mobben. Oder sie suchen sich andere Ersatzventile wie z.B. Kriminalität, Drogensucht oder Schußwaffengebrauch in Vereinen. Irgendwann im Jugendalter oder als Erwachsene wird es zu einem Ausbruch kommen, möglicherweise nach jahrelangen Rachephantasien. Dann läßt man den ganzen gespeicherten Haß an Ersatzobjekten aus, die manchmal auch erstaunlich nah an den Verursachern des seelischen Todes des Betroffenen liegen können. Der Amokläufer von Newtown brachte seine Mutter und viele ihrer Kolleginnen um.

In unserer Gesellschaft hat man größte Angst, die wirklichen Ursachen der menschlichen Destruktivität zu realisieren. Deshalb flüchtet mach sich jedes Mal bei “unfaßbaren” Verbrechen und Geschehnissen in Pseudoerklärungen, die das Vorgefundene schnell möglichst gut und einwandfrei “wegerklären”.

All diesen Erklärungen ist gemein, daß sie systematisch die individuelle Geschichte eines Täters ausblenden. Stattdessen werden möglichst unverbindliche allgemeine Zusammenhänge hergestellt, wie dies Hollstein tut. Ich will in meiner Kritik an Walter Hollstein keineswegs leugnen, daß es eine partielle Feminisierung der Lehrinhalte in Schulen geben mag, daß es Jungen heutzutage etwas schwieriger haben in Kindergarten und Schule. Ich habe aber schon den Eindruck, daß Hollstein hier deutlich überdramatisiert.

In seinem Text behauptet Hollstein, daß Schule in den letzten Jahren regelrecht zu einem “Horrortrip” geworden sei. Dann schreibt er dies:

Der 18-jährige Amokläufer von Emsdetten bringt es in seinem Abschiedsbrief lakonisch auf den Begriff: „Das Einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin.“ Da liegt dann Rache als „Ausweg“ nahe.

Was würde uns Bastian B., der im Internet auch unter dem Pseudonym ResistantX auftrat, wohl heute antworten, wenn wir ihn fragen könnten, was er genau mit seinem Satz gemeint hat? Würde er dann sagen, daß der Unterricht zu stark an weiblichen Bedürfnissen ausgerichtet gewesen sei? Oder würde er sagen, daß er in seiner Schullaufbahn häufig sadistischen Lehrern und Mitschülern ausgesetzt war, die, nachdem er einmal den Außenseiterstatus innehatte, keine Gelegenheit ausließen, ihn zu erniedrigen und ihre eigene Unsicherheit und ihre Probleme zu überspielen? Ich halte letzteres für weitaus wahrscheinlicher. In was für einer Familie mußte Bastian B. zudem gelebt haben, daß die Eltern nie seine innere verborgene Not registrierten? Waren sie froh, wenn er brav akzeptable schulische Leistungen nach Hause gebracht hat, um später ein tüchtiger Bürger und Sohn zu werden?

Walter Hollstein leistet seiner Sache einen Bärendienst durch die Suggestionen, die er in seinem Text tätigt. Fairerweise muß man sagen, daß er in der Tagesspiegel-Variante seines Textes zugibt, daß die von ihm kritisierten Zustände noch keinen Amokläufer machen. Ich halte aber auch die anderen Implikationen für weit übertrieben. Hinzu kommt sein soziologistisches Weltbild, was der eigentliche Grund meiner Kritik ist und welches mich auch bei anderen “linken” Männerrechtlern stört.

Ich möchte abschließend auf einen sehr gelungenen Text hinweisen, den ich auch hier in meiner Sidebar verlinkt habe und der meine Gedanken auf eine weniger akademische, dafür aber umso kathartischere und aufwühlendere Weise zum Ausdruck bringt. Der Text heißt:

Einige Leichen im Keller

Er ist von Thomas Gruner, der einige Artikel auf der Internetseite von Alice Miller verfaßt hat. In seinem Text, der von der neunfachen Babymörderin von Brieskow-Finkenheerd handelt, geht er auf zweierlei Dinge ein, die ich hier auch ansprach. Zum einen die völlig willkürlichen “soziologistischen” Erklärungsversuche, die nach dem Bekanntwerden der schockierenden Babymorde einsetzten. Zum anderen lenkt Gruner den Blick auf die wirklichen Ursachen solcher Verzweiflungstaten. Er karikiert in bitterem Sarkasmus, wie die Gesellschaft alles tut, um nur ja nicht die Situation von Kindern in unserer Gesellschaft wahrnehmen zu müssen, die immer noch häufig genug geschlagen, erniedrigt und mißachtet werden.

Walter Hollstein sollte auf die realen Mißstände im Schul- und Erziehungswesen hinweisen – ohne Rückgriff auf dramatisierende Konstruktionen. Und er sollte sich überlegen, ob “soziale Rollenbilder” wirklich so wichtig sind – und nicht die engsten Bezugspersonen, die Eltern.

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